Der Gesangsverein
Aus der Dorfchronik "700 Jahre Rutsweiler am Glan" von Karl EmrichDer Gesangverein 1904 Rutsweiler schickt sich an, bald sein hundertjähriges Bestehen feiern zu können. Im Gegensatz zu den Nachbardörfem geschah die Gründung relativ spät, denn dort waren diese Vereine schon längst existent, als sich „behufs Gründung eines Gesangsvereins eine Anzahl sangeslustiger Männer am 20. April 1904 in der Wirtschaft Kaiser zusammenfanden", wie es damals zu lesen war.
Das noch vollständig erhalten gebliebene Protokollbuch gibt interessante Einblicke in die Höhen und Tiefen, aber auch Kuriositäten der langen Vereinsgeschichte.
So wurde aus dem Kreis der achtzehn Gründungsmitglieder an jenem Tag ein siebenköpfiger Vorstand gewählt und die obligatorische Satzung beschlossen. Erster Dirigent war der Musiker Karl Wendel aus Haschbach, der je Übungsstunde 1,20 Mark erhielt Der monatliche Mitgliedsbeitrag von 20 Pfennig machte damals keinen Unterschied zwischen aktiven und passiven Mitgliedern. Auf die Anwesenheit der Sänger bei den Übungsstunden wurde größter Wert gelegt, dabei wurde bis zum Jahr 1908 noch zweimal wöchentlich geübt. Wer dreimal unentschuldigt fehlte, dem drohte gar der Vereinsausschluss. Ein- und Austritte, aber auch Ausschlüsse, waren in den Anfangsjahren ohnehin an der Tagesordnung, was dazu führte, dass beim 25-jäbrigen Jubiläum nur drei Mitglieder für ihre ununterbrochene Treue zu ehren waren.
An der Satzung wurde, mit dem Ziel es jedem recht zu machen, ständig herumgebastelt. Dabei kamen mitunter absonderliche Beschlüsse zustande, wie die folgende Kostprobe aus dem Jahr 1927 zeigt, bei der es um das Singen bei Beerdigungen ging:
Kinder und Mitglieder vom 4. bis zum 16. Lebensjahr bekommen gesungen. Jünglinge über 16 Jahren bekommen nicht mehr gesungen, dagegen das Mädchen bekommt gesungen solange es nicht verheiratet ist. Der Vater oder Schwiegervater bekommt nicht gesungen. Die Mutter oder Schwiegermutter eines Mitgliedes bekommt gesungen, müssen aber bei dem Mitglied im Hause wohnen. Wenn der Vater eines jeden Mitgliedes bis zum Tode im Verein war, dann bekommt auch die Mutter des Mitgliedes gesungen, auch wenn sie nicht bei dem Mitglied im Hause wohnt."
Mit Ausbruch des l. Weltkrieges kam der Sangesbetrieb zum Erliegen und sollte bis zum Jahr 1923 ruhen. Zwei Jahre später gab es erneut eine Zwangspause, die Geldentwertung hatte den Verein handlungsunfähig gemacht
Zur Fahnenweihe im Jahr 1926 erging Einladung an sage und schreibe fünfzig Vereine, von denen sechsund2wanzig erschienen. Bei dem drei Jahre später anstehenden 25-jährigen Jubiläumsfest wurde eine Fahnenschleife angeschafft, auf der Rutsweiler mit „th" geschrieben war. Nach ausgiebigem Schriftverkehr mit der Herstellerfirma, gewährte diese einen Preisnachlass von 5,- Mark, womit sich die Mitglieder zufrieden gaben.
Der Ausbruch des 2. Weltkrieges und die Wirren der Nachkriegszeit verhinderten wiederum jede Vereinstätigkeit Bei der Neugründungsversammlung am 22. August 1953 erklärten sich 85 Männer und Frauen spontan zum Eintritt bereit, von denen 32 Männer und 23 Frauen im gemischten Chor sangen. Erster Dirigent war der Lehrer Michel aus Theisbergstegen.
Gleich im folgenden Jahr wurde das 50-jährige Stiftungsfest in einem Zelt hinter dem Anwesen Niebergall gefeiert. Bei dem Freundschaftssingen waren nahezu tausend Personen (!) anwesend.
Unvergessen ist heute noch das Chorkonzert mit dem Musikverein Kusel, unter Leitung von Prof. Dr. Cosacchi am 23. April 1955 im Saale Kaiser, bei dem der Walzer „Mondnacht auf der Alster" als gemeinsamer Auftritt zur Aufführung kam.
Seit dem 18. November 1956 wird regelmäßig am Volkstrauertag, unter Beteiligung des Chores, den Opfern der beiden Weltkriegen am Ehrenmal gedacht.
Im Jahr 1958 haben sich die Chöre aus Gimsbach, Godelhausen, Theisbergstegen, Mühlbach und Rutsweiler zu einer „Singgemeinschaft mittleres Glantal" zusammengeschlossen, die mit einem jährlich wechselnden Gartenfest seinen Ausdruck findet.
Als weiteren Höhepunkt in der Vereinsgeschichte ist der Auftritt des Chores am 8. Oktober 2000 in Kaiserslautern auf der l. Landesgartenschau von Rheinland-Pfalz zu werten. Die Aufführung der 13 Lieder, deren Bandbreite vom Volkslied bis zum Schlager reichte, fand beim Publikum grossen Anklang.
Die Vereinsführung zeichnet sich seit den 30-er Jahren durch eine große Kontinuität aus. Der unvergessene Edmund Schöfer stand bis zu seinem Tod nicht weniger als zweiunddreißig Jahren dem Verein vor. Sein Nachfolger, Ernst Weber, brachte es auf zweiundzwanzig Jahre, bis er aus Altersgründen freiwillig abtrat. Der Ehrendirigent Theo Fadel leitete über zwanzig Jahre den Chor. Einmalig aber dürfte die Tätigkeit von Willi Weber bleiben, der achtundvierzig Jahre, als Rechner fungierte, bis er im Jahr 2001 als Fünfundsiebzigjähriger sein Amt aufgab.
Mit sechsundfünfzig Sängerinnen und Sängern hatte der Chor zahlenmäßig im November 1969 seine größte Stärke. Dem Zeitgeist folgend, sieht die Jugend heute im gemeinsamen Gesang keinen Anreiz der Freizeitbetätigung mehr. Der Chor mit derzeit noch vierundzwanzig Sängerinnen und Sänger ist völlig überaltert. Stellt sich kein Wandel ein, sieht die Zukunft wenig rosig aus.